Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Dezember 2017"
Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.
Lk 1,78-79
Gottesdienste
::: Mittwoch, den 20. Dezember 2017
19.00 Uhr Adventsandachten
::: Heiligabend, 24. Dezember 2017
15.30 Uhr Familiengottesdienst
::: Heiligabend, 24. Dezember 2017
17.30 Uhr Christvesper für Erwachsene
::: Heiligabend, 24. Dezember 2017
22.00 Uhr Christmette mit Abendmahl
::: 1. Weihnachtstag, 25. Dez. 2017
10.00 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl
::: 2. Weihnachtstag, 26. Dez. 2017
10.00 Uhr Gottesdienst
::: Silvester, 31. Dezember 2017
18.00 Uhr Jahresschlussgottesdienst
::: Neujahr, 1. Januar 2018
18.00 Uhr ökumenischer Gottesdienst zu Beginn des neuen Jahres in der Klosterkirche
Festschrift - 150 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Inhalt der Festschrift
Die Geschichte unserer Gemeinde von 1857 bis 2000
Am 19. März 2000 konnte die evangelische Kirchengemeinde nach einer fast 7 Monate dauernden Renovierung wieder Gottesdienst in ihrer Kirche feiern. Der Kirchenraum bot sich der Gemeinde etwas verändert dar: der Taufstein steht auf der anderen Seite, der Altar ist von der Wand abgerückt, so dass sich jetzt wirklich eine Tischrunde um ihn versammeln kann, so wie man sich zu Hause um den Tisch versammelt. Das Abendmahl ist eine Tischgemeinschaft, das kann jeder deutlich sehen.

Diese Kirche hat eine lange Geschichte

Und noch eins ist deutlicher geworden: Diese Kirche hat eine lange Geschichte, sie ist nicht zuerst evangelische Kirche gewesen, sondern da stand schon lange vor der Reformation eine Kirche. Das hat die letzte Renovierung zu betonen versucht. Darum hat das Sakramentshäuschen seine ursprüngliche Größe wieder bekommen und wird nicht mehr von der Kanzel verdeckt. Ein im ehemaligen Koks-Schuppen entdeckter Stein, auf dem ein Lamm mit der Siegesfahne und ein Kelch zu sehen sind, wurde sorgfältig gereinigt und im Altarraum an die Wand gelehnt. Er wird für das Seitenteil eines alten Altars gehalten. Wenn dieser Stein erzählen könnte! Vielleicht gehörte er schon in die erste Kirche, die Klosterkirche, ein kleiner Bau aus karolingischer Zeit, der im 9. Jahrhundert etwa unter Rhabanus Maurus, dem 5. Abt von Fulda errichtet wurde. Schon diese Kirche wurde dem Heiligen Kreuz geweiht.

Diese Klosterkapelle ist etwa um 1200 durch eine neue Kirche ersetzt worden, und das Kloster in ein Kollegiatstift verwandelt worden. Es ist dies eine Vereinigung von Weltgeistlichen, die nach einer bestimmten Regel ein gemeinsames Leben führten. Leider gibt es kein Bild, keine Skizze von der alten Stiftskirche; aber man muss sie sich wohl so ähnlich wie die Rasdorfer Stiftskirche vorstellen. Das Mittelschiff hatte vom Chor aus eine Gesamtlänge von 40 Metern. Da das Langschiff und Querschiff gleiche Breite hatten, entstand durch ihre Durchschneidung eine quadratische Vierung, über der sich ein Turm erhob. Außerdem hatte sie einen großen Turm als Abschluss an der Hauptstraße, wo sich heute der Aufgang zum Amtsgericht befindet.

Von diesem Bau stand 1855, als die evangelische Gemeinde gegründet wurde, nur noch der Chor und der südliche Kreuzarm. Denn 1803 war das Stift unter dem Prinzen Wilhelm Friedrich von Oranien-Nassau säkularisiert worden, ebenso das Kapuzinerkloster in Fulda, das alsbald in das Landkrankenhaus umgewandet wurde. Diesem neuen Landkrankenhaus wurden die bedeutendsten Besitzungen der Stiftskirche in Hünfeld, wie es heißt: der größte und beste Teil der um Hünfeld liegenden Feldmark, zugewiesen. Der Stadt Hünfeld war das Kollegiatstift mit allem Drum und Dran für 30.000 Taler angeboten worden, sie hat aber abgelehnt.

Seit 1803, in den Kriegszeiten, wurde die Stiftskirche in ein Magazin verwandelt. 1816 wurde sie von der Landkrankenhaus- Kommission öffentlich versteigert. Der ehemals so stolze Bau, eine Zierde Hünfelds, wurde zum Schacherobjekt. Ein Kaufmann ersteigerte sie billig und verkaufte sie mit Gewinn weiter an einen Steuerkontrolleur. Dieser ließ einen Teil der Kirche abreißen und verkaufte die Steine als Baumaterial. Den südlichen Kreuzarm richtete er sich als Wohnung ein und benutzte den Chor als Stallung und Scheune. 1850 verkaufte er das ganze Anwesen an den Staat. Der Staat baute nun das Amtsgericht und quartierte den Justizbeamten in die Wohnung im südlichen Kreuzarm ein. Den oberen Teil des Chores verpachtete er als Scheune, der untere wurde als Pferdestall an die Gestütsdirektion verpachtet.

Vom Kollegiatstift zur Evangelischen Kirche

So stand es um diesen Bau, der von ältester christlicher Tradition zeugte und nun so degradiert worden war, als der erste evangelische Pfarrer, Josef Weinrich, 1856 nach Hünfeld geschickt wird und keinen Raum findet, um Gottesdienst halten zu können. Für den evangelischen Gottesdienst will keiner einen Raum vermieten, und wenn das Mietangebot noch so hoch war. Er ist schon über ein Jahr in Hünfeld und hat noch keinen Gottesdienst halten können. Am 1. Advent 1856 wäre es benahe so weit gewesen. Man hatte ihm für die evangelischen Kinder einen Schulraum im Hospital zur Verfügung gestellt, und er war der Meinung, dort könne er auch Gottesdienst halten. Er schreibt: „Ich hatte schon alle Vorkehrungen getroffen, die nötigen Gesänge eingeübt, die Predigt angefertigt und es sämtlichen Gemeindegliedern anzeigen lassen, dass wir am 1. Advent mit dem Halten eines Gottesdienstes einen Versuch machen wollten. Tags zuvor kommt Herr Landrat Wolf zu Gudensberg zu mir und teilt mir mit, es sei eine sehr große Aufregung in der Stadt über das beabsichtigte Halten eines evangelischen Gottesdienstes in dem Hospitalgebäude entstanden. Wir könnten uns auf etwaige Störungen und üble Streiche gefasst machen...“ So unterblieb der Gottesdienst. Da war eine wohnungslose Gemeinde, und da war ein Rest eines zweckentfremdeten Gotteshauses. Mussten die zwei nicht zusammenkommen?

Eine Eingabe, ein Gesuch wird an das hohe kurfürstliche Ministerium des Inneren gerichtet: „Dasselbe möge gestatten, dass das dem Staate gehörige Chorhaus der vorhinnigen Stiftskirche dahier, seither als Scheuer und Landgestütsstall verwendet, seinem ursprünglichen Zwecke wiedergegeben und zur Kirche hergerichtet werde.“ Aber die Antwort war hinhaltend, energisch nur im Verbot des Gottesdienstes im Hospital: „Die Benutzung des dermaligen Schullocals ist untunlich...“

In der Chronik schreibt Weinrich: „Länger waren aber diese Verhältnisse von dem Pfarrer nicht auszuhalten, noch konnte er nicht predigen, eine höchst traurige Zeit für ihn.“

Da alles Schreiben nicht nützt, fährt er schließlich nach Kassel ins Ministerium des Inneren und trägt dem Minister die Verhältnisse in Hünfeld vor und dringt energisch auf Verbesserung der Lage. Und mit einem Mal geht es vorwärts. Im April 1857 wird das Chorhaus der Stiftskirche nebst anstoßendem Gebäude, beides dem Staat gehörig, der Gemeinde zu Kirchen- und Schulzwecken überlassen. Weinrich kann in die Wohnung im südlichen Kreuzarm einziehen und gleich danach wird dort am 1. Pfingsttag 1857 der erste evangelische Gottesdienst gehalten. „Diese Gottesdienste, welche den ganzen Sommer durch bis zum 4. Advent in diesem Lokale gefeiert wurden, hatten etwas eigentümlich Herzliches, man fühlte sich wie in einer großen Familie, und diese Zeit des erwachenden Gemeinschaftsgefühls war eine freudige und stärkende für die junge Gemeinde.“ So Weinrich in der Chronik.

Die Herrichtung des Chorraumes zur ersten evangelischen Kirche wird dem Baueleven Sunkel aus Fulda übertragen, der von Weinrich wegen seines Verständnisses und seiner guten Kenntnis im Kirchbaustil lobend erwähnt wird.



Am 4. Advent 1857 ist es dann so weit: In der alten, nun neuen Kirche wird nach 54- jährigem Schweigen wieder Gottes Lob gesungen. In der Chronik heißt es: „Das Kirchlein war prächtig geschmückt, das Heilige mit dem Schönen sinnig verbunden, an den Wänden schöne Fichten mit Girlanden, auf dem Fußboden prächtige Teppiche; dem Eintretenden drängte sich unwillkürlich das Wort auf die Lippen: Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth...“

Die Kirche erhält ihre heutige Gestalt

Die Kirche der kleinen Diasporagemeinde bestand nur aus dem ehemaligen Chor und wurde mit einem Dachreiter versehen. Sie war zunächst ausreichend. Beim großen Brand der Stadt Hünfeld wurde sie verschont. In der Chronik der evangelischen Kirchengemeinde schreibt Pfarrer Oskar Schäfer: „Am 29. Oktober 1888 legte ein furchtbarer Brand den größten Teil hiesiger Stadt in Asche. Das Feuer machte genau vor unserer Kirche und Pfarrhaus Halt. Das Gotteshaus glich einem großen Warenlager, das Pfarrhaus musste ich räumen. Trotzdem hielten wir am 1. November einen gar betrübten Bußtagsgottesdienst.“

1890 schreibt er zum ersten Mal von der Idee eines Kirchenneubaus: „Es beginnt der Plan eines Kirchenneubaus oder auch einer Erweiterung des bisherigen Gotteshauses praktisch Gestalt anzunehmen. Für alle Fälle erwirbt die Gemeinde für 750 Mark ein am Nüster Küppel gelegenes Grundstück zum etwaigen Bauplatz. Bis zum Jahr 1891 haben die fortgesetzten Bemühungen ein kleines Capital von 2.300 Mark zusammengebracht.“

Sein Nachfolger, Pfarrer Friedrich Fink, rühmt die eifrige Sammeltätigkeit seines Vorgängers und dass er sich damit den Dank der Gemeinde verdient hat. Pfarrer Fink ist der Erbauer der evangelischen Kirche in ihrer jetzigen Gestalt. Es ist ein lang gehegter Wunsch der Gemeinde, sich ein würdigeres und ausreichendes Gotteshaus zu bauen. Durch den Ausbau der Bahnstrecke Fulda-Bebra ist die Gemeinde größer geworden, das Kirchlein ist nun zu klein. Aber woher sollte das Geld kommen? Da vermachte eine evangelische Frau dem Gustav-Adolf- Verein eine Schenkung von 30.000 Mark. Ihre Mutter Emilie Liese ist am 04. April 1892 gestorben und hat ihrer Tochter aufgetragen: Von diesem Geld sollen sämtliche Kosten eines Kirchenbaus für eine sehr kirchliche Gemeinde in der Zerstreuung bestritten werden. Die Hoffnung, dass dieses Legat der Hünfelder Gemeinde zufallen würde, war gering, denn es gab unstreitig noch bedürftigere Gemeinden. Umso größer war deshalb die Freude, als die Gemeinde die Nachricht erhielt, dass ihr die Schenkung zugefallen sei.

Das Geld war da, nun ging es ans Planen. Pfarrer Fink schreibt in der Chronik: „Das Jahr 1893 füllen die Verhandlungen betreffend Kirche und Pfarrhausbau.“ Es wurde lange verhandelt, bis zum Beginn des Baues vergingen noch drei Jahre.

Im Protokoll einer Presbyteriumssitzung vom Januar 1893 heißt es: „Die überwiegende Mehrzahl der evangelischen Gemeinde hegt den dringenden Wunsch, dass die Kirche aus ihrer jetzigen unansehnlichen Lage heraus und an freien Platz gestellt und dieselbe einen würdigen Anblick bietet.“

Darüber eben wird so jahrelang verhandelt: Bauen wir eine neue Kirche oder erweitern wir die alte. Zwar war zunächst und vor der Zuweisung der 30.000 Mark immer nur von Erweiterung die Rede, aber nun glaubt man, es könnte auch eine Kirche werden, die schön sichtbar und frei direkt am Anger liegt. Die Kirche hätte auch am Nüster Küppel gebaut werden können, weil dort das Grundstück schon vorhanden war. Was die Debatte so schwierig machte, war die Tatsache, dass das Pfarrhaus aus dem südlichen Kreuzarm der alten Stiftskirche bestand und bei einer Erweiterung der Kirche im Wege war. Dem Presbyterium lag bereits ein Plan zur Erweiterung der Kirche vor. Von diesem Plan heißt es im Protokoll:

„Nach Durchführung des vorgelegten Erweiterungsprojekts wird der neu angebaute Teil der Kirche hinter dem Pfarrhaus verschwinden. Das Presbyterium beschließt daher, die jetzige Kirche durch Abbruch des alten Pfarrhauses zu erweitern und freizulegen und am Anger ein Pfarrhaus zu bauen.

Durch dieses Projekt würde nicht nur eine geräumige, freiliegende und helle Kirche, sondern auch ein neues Pfarrhaus geschaffen...“ Dieser Beschluss und auch der Kaufvertrag für ein Grundstück am Anger wurden schließlich genehmigt.

Am 12.04.1896 wird der letzte Gottesdienst in der alten Kirche gehalten. Von Herrn Fabrikdirektor Hentschel wurde der Gemeinde für die Dauer der Bauzeit ein Raum in der Hünfelder Zuckerfabrik (Zuckerlagerplatz) bereitwillig zur Abhaltung der Gottesdienste überlassen.

Es geht nun schnell vorwärts mit dem Bau. Bereits am 10. August wurde das Turmgerüst aufgestellt. Pfarrer Fink berichtet: „Am Nachmittag prangte auf der Turmspitze der mit Bändern geschmückte Richtstrauß. Die alte Sonnenuhr, welche früher an dem südlichen Giebel des alten Pfarrhauses angebracht war und über der die Jahreszahl 1607 steht, wurde 50 cm über dem südlichen Turmfenster der Kirche angebracht.“ Pfarrer Fink erwähnt nicht, dass das Fenster im neuen Turm noch älter ist als die Sonnenuhr, es ist ein kleines romanisches Fenster, das mit Sicherheit aus der alten „ecclesia sanctae crucis“ stammt. Doch erwähnt er andere Funde: „In den Seitenschiffen und dem Mittelschiff der alten Kirche wurden bei den Erdarbeiten Bruchstücke von alten Grabsteinen gefunden, die den verschiedenen gestalteten Schriftzeichen nach aus verschiedenen Zeitepochen zu stammen scheinen. Auf einem dieser Grabsteine, der leider von einem Arbeiter behauen wurde, war der Name Mago deutlich zu lesen, auf einen noch vorhandenen Bruchstück steht der Name Magdalena, ein Beweis dafür, dass in der alten Stiftskirche nicht nur Stiftsherren beigesetzt worden sind. Auf einem anderen noch erhaltenen Grabstein steht ein Lamm mit der Siegerfahne und ein Kelch, nur der Schaft der Fahne ist teilweise noch sichtbar. Es könnte auch sein, dass das Wappen der Herren von Hune damit dargestellt wäre, jedenfalls hatte der völlig abgeschliffene Stein schon sehr lange in der Kirche gelegen.“

Am 13. September konnt es ich die Gemeinde zum ersten Mal in der nunmehr ausgebauten Kirche versammeln, der Raum war notdürftig zum Gottesdienst hergerichtet worden, die Fenster waren noch nicht verglast. Die Woche über arbeiteten die Schreiner und Zimmerleute fleißig weiter. Warum konnte die Gemeinde nicht warten, bis die Kirche richtig fertig war? Weil der Gottesdienst nur bis einschließlich 16. August in der Zuckerfabrik gehalten werden konnte. An den beiden folgenden Sonntagen fiel der Gottesdienst aus, „weil ein zur Abhaltung der Gottesdienste geeigneter Raum nicht gefunden werden konnte“.

Richtig fertig war die Kirche dann im Mai 1897, sie wurde am 18. Mai eingeweiht. Drei Glocken hingen auch im Turm und für die Wohltäterin Emilie Liese wurde eine Gedenktafel aufgehängt.

Im Jahr 1897 hat sich für die evangelische Gemeinde ein Traum erfüllt: Sie hat eine schöne Kirche und ein neues Pfarrhaus. In der Urkunde, die in den Turmknauf eingelegt wurde, heißt es unter anderem: „Möge die schöne Kirche stehen bis in die fernsten Zeiten als ein Denkmal helfender Bruderliebe .... Eine um das Evangelium versammelte Gemeinde ist unüberwindl ich. Darum fürchte dich nicht, du kleine Herde.”

Weltkriege und Nachkriegszeiten

Der Erste Weltkrieg geht auch an der evangelischen Stiftskirche nicht spurlos vorüber. Das Kupfer vom Kirchturm, das Zinn aus den Orgelpfeifen und die Glocken müssen abgegeben werden. Viele Schäden hinterlässt der Krieg, die erst nach und nach beseitigt werden können. In der Inflationszeit ist die dringende Renovierung der Kirche nicht möglich, aber 1925 ist es soweit. „Das Innere des Gebäudes hatte unter Feuchtigkeit sehr gelitten und war schon seit einem Jahr in einem unwürdigen Zustand“, heißt es in der Chronik. Ein Trockenlegungsverfahren wurde durchgeführt.

Bei der Entfernung des alten Putzes machte man eine Entdeckung: „Es kam das Sakramentshäuschen für die Aufbewahrung der geweihten Hostien in katholischer Zeit zum Vorschein. Es war angefüllt, bzw. zugemauert mit Resten der ehemaligen äußeren Verzierung von kunstfertiger Steinmetzarbeit gotischen Stiles“, schreibt Pfarrer Riemenschneider. Da man aber offenbar Berührungsängste mit der „katholischen Zeit“ hatte, wurde alles wieder zugemauert. Erst 1949 wird es offen gelassen. An sechs Sonntagen musste der Gottesdienst in der evangelischen Schule gehalten werden, dann konnte der Gottesdienst wieder in der frisch gestrichenen Kirche gehalten werden. Aber etwas fehlte immer noch: Nur eine vereinsamte Glocke rief zum Gottesdienst. Ob sich das nicht ändern ließ?

So werden für die im Krieg abgelieferten Glocken zwei Ersatzglocken bestellt. Für den Glockenfonds gibt es ein Anfangskapital von 440 Mark, die durch einen Basar zustande gekommen sind, der von Frauen der Gemeinde veranstaltet wurde.

Der 1. Advent 1926 ist für die evangelische Gemeinde ein unvergesslicher Tag. Zwei Tage vorher sind die Glocken von der fast vollzähligen Gemeinde vom Bahnhof zur Kirche mit Leiterwagen eingeholt worden. Das Programm für den Festgottesdienst zur Glockenweihe sieht vor: einen gemischten Chor, ein Terzett und einen Schülerchor. Abends vereinigte sich die ganze Gemeinde zu einem Familienabend als Nachklang der Glockenweihe. Pfarrer Riemenschneider schließt den Bericht von der Glockenweihe mit den Wunsch: „Möchte dieser Tag der Glockenweihe, den wir alle mit ganzer Seele erlebt haben, bleibenden Segen bringen, und die Harmonie der Glocken ein Sinnbild sein für die Einheit der kleinen Diaspora-Gemeinde.“

Die Zeit des dritten Reiches hebt endlich auch die Berührungsängste zwischen katholischer und evangelischer Bevölkerung auf. Der 1933 nach Hünfeld gekommene Pfarrer Bill vermerkt in der Chronik: „Eine Beerdigung brachte der sehr zahlreich vertretenen katholischen Bevölkerung zum Bewusstsein, dass der neue evangelische Pfarrer auf dem Boden des apostolischen Glaubens steht. Daraus entstand mehr und mehr ein erstarkendes Vertrauensverhältnis.“ Und 1935 schreibt er: „Die katholische und die evangelische Kirche erkennen mehr und mehr, was sie verbindet gegenüber der gegen die Grundlagen des Christentums anstürmenden Weltanschauung...“

Pfarrer Georg Bill konnte der Gemeinde nur 5 ½ Jahre in treuer Seelsorge und in klarer biblischer Verkündigung dienen. Er wurde im Frühjahr 1939 verhaftet und wegen „Verächtlichmachung des Führers“ – wie das Vergehen damals hieß – zu neun Monaten Gefängnis verurteilt und zugleich in den Ruhestand versetzt. Der schwergeprüften Pfarrersfamilie wurde viel Teilnahme entgegengebracht, besonders auch aus Kreisen der katholischen Gemeinde.

Die Nachkriegsjahre lassen die Gemeinde um das Sechsfache anwachsen. Pfarrer Kühne, der 1945 nach Hünfeld kommt, fasst schon 1946 den Plan, den Eingang der Kirche in den Turm zu verlegen, dort eine Gefallenenhalle zu schaffen und die Bankreihen so zu teilen, dass ein Mittelgang entsteht. Das Schiff soll unterkellert und eine Heizung eingebaut, danach das ganze Innere ausgemalt werden. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Die Pläne für die Kirchenrenovierung werden erst 1948 durchgeführt. Pfarrer Kühne schreibt in der Chronik: „Die Erneuerung der Kirche schreitet durch Monate hindurch fort. Im Februar wird eine großzügige Gestaltung beschlossen und vom Landeskirchenamt genehmigt. Es gelingt durch Einsatz von Männern und Jungmännern, die sich freiwillig melden, die Erdarbeiten vor dem neuen Eingang und die Steinbrucharbeiten zu bewältigen. Vor der Währungsreform wird der Anstrich erneuert. Nach dem 20. Juni tritt eine Stockung ein. Aber im September kommt es zur Neuaufnahme der Arbeit. Die vorgeschlagene Warmluftheizung ist zurzeit wegen Geldmangels noch nicht möglich.“

Vom freigelegten Sakramentshäuschen heißt es: „Es soll als historischer Aufbewahrungsort des Sakramentes der Gemeinde bewusst gemacht werden.“ Die Kirche von Hünfeld ist am Tag ihrer mittelalterlichen Einweihung unter das Kreuz Christi gestellt worden. Darum bekommt die Kirche – ihrem Namen entsprechend – ein großes Wandkreuz. Pfarrer Kühne konnte einen Christuskörper ohne Kreuz antiquarisch vor der Währungsreform erwerben und ließ ihn an einem Eichenkreuz anbringen. Er schreibt dazu: „Das Kreuz ist hoch in einem geeigneten Raum der großen fensterlosen Wand als erhabenes Zeichen für die Ausrichtung der Gemeinde angebracht worden.“

Zur Zeit von Pfarrer Kühne wurde auch an das Pfarrhaus das Jugendheim angebaut. Als er 1953 nach Köln ging, konnte er der Chronik anvertrauen, dass er in seiner achtjährigen Dienstzeit über 54.000 Mark an Bauaufwendungen zu verzeichnen habe. Für die damalige Zeit eine enorme Summe, die die Finanzen der Gemeinde für die kommenden Jahre sehr belastete.

Vom 100-jährigen Jubiläum bis zur Gegenwart

Sein Nachfolger, Pfarrer Martiny, schreibt in der Chronik, dass die Gemeinde 1955 eigentlich ihr 100-jähriges Bestehen hätte feiern müssen, aber bei der angespannten Finanzlage lehnte er die Feier für 1955 ab. Als weiterer Termin bot sich das Jahr 1957 an, da am 1. Pfingsttages des Jahre 1857 der erste evangelische Gottesdienst in Hünfeld gefeiert worden war.



Bis dahin sollte auch die Kirche umfassend renoviert werden. Eine Heizung hatte sie immer noch nicht. 1956 wurde der alte Koksofen entfernt und die elektrische Fuß- und Fensterheizung eingebaut. Dazu war es nötig, dass auch neue Bänke angeschafft wurden. Außerdem wurde die Empore vergrößert und der Aufgang zur Empore an die Seite des Kircheneingangs gelegt, so konnte die Zahl der Sitzplätze von 230 auf 350 erhöht werden. Das Gustav-Adolf-Werk stiftete einen neuen Altar, Kanzel und Lesepult im Wert von 3.000 Mark. Die Altarplatte stammt vom Wachtküppel in der Rhön und ist eine Sandsteinplatte von ca. 3 Zentnern aus einem Stück.

1976 ist die nächste Renovierung fällig. Da bekam die Kirche die rot-grüne Farbgebung, von der ja das Grün bis heute geblieben ist, und die rot-goldene Orgel auch. Damals musste die alte Farbe sehr gründlich entfernt werden und das brauchte seine Zeit. Für die gewöhnlichen Sonntage konnte man den Gottesdienst im Gemeindesaal halten, aber dann kam das Reformationsfest, da wird der Platz im Gemeindesaal nicht reichen. Wo lässt sich ein würdiger Raum für den Reformationsgottesdienst finden? Wir überlegen noch, welche Schule wohl die schönste Aula hat. Es ist uns unmöglich zu begreifen, dass einmal ein evangelischer Pfarrer keinen Gottesdienst halten konnte, weil ihm niemand dafür einen Raum vermieten wollte. Wir können viele Räume kriegen, viele werden bereitwillig angeboten. Zuletzt kommt ein Angebot, das uns völlig überwältigt, von dem wir nicht einmal zu träumen gewagt hätten: Das Bonifatiuskloster fragt, ob wir unseren Reformationsgottesdienst nicht in der Hauskapelle des Klosters halten wollten. Und so kommen 1976 zum Reformationsfest viele evangelische Christen im Kloster zusammen.

Wenn mich jemand fragt, was ich unterÖkumene verstehe, würde ich antworten: Ökumene ist, wenn die Evangelischen ihr Reformationsfest im Kloster feiern.

Ich habe damals in diesem Reformationsgottesdienst gesagt: „Wir sind heute Gäste in diesem Gotteshaus. Das Entsprechende wäre etwa, wenn am Fronleichnamstag katholische Christen darum bäten, Gottesdienst in einer evangelischen Kirche feiern zu dürfen. Ich weiß nicht, ob überall im Hessenlande die Kirchenvorstände sich spontan dazu bereit erklärten.“

Ich glaube, wir können diesen Rückblick in die Geschichte unserer Kirche und Gemeinde nicht besser beschließen, als mit der Bitte die Jochen Klepper in einem Neujahrslied ausspricht:

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unserer Zeiten
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand
damit wir sicher schreiten.
Pfarrerin i. R. Renate Ziegler

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Wir danken allen Beteiligten für die Bereitstellung von Texten und Bildern. Unserer besonderer Dank gilt:
Jörg Bachmann (Kirchen, Gemeindehaus- und Gruppenaufnahmen), Ulla-Britta Becker (historische Postkartenmotive), Karl-Heinz Burghardt (Innenaufnahmen der Kirche), Annerose Drese (Blumenschmuck), Renate Ehmer (Frauenkreis Hessentag 2000), Bildagentur Wolfgang Habermehl (Luftbild), Stadtarchiv der Stadt Fulda (historisches Postkartenmotiv), D. Weinen (Jubiläumsbild des Ökumenischen Singkreises), Hartmut Winter (Weihnachtskrippe)
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