Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
1. von 12 Themen im Gemeindebrief - Juli, August, September, Oktober 2015
Liebe Gemeinde!
Ich nenne Sie Birgit. Sie ist 16 Jahre alt und wiegt 80 Kilo. Sie ist nicht groß; sie ist nicht schön; sie ist nicht schlank; sie ist einfach dick und kann sich selbst nicht leiden. Oft betrachtet sie sich im Spiegel und greift zu verschiedenen Kosmetika, ändert ihre Frisuren und ihre Kleidung, immer mit dem Ziel, sich anders zu machen als sie ist. Bei den Jungen hat sie keine Chance. Auf Partys steht sie oft am Rand und betrachtet neidisch die anderen. Sie hätte gerne einen Freund und ihr reicht es, immer die „beste“ Freundin ihrer Freundin zu sein. Sie will umarmt, geküsst und geliebt werden, wie ihre Freundinnen. Aber all das scheint in weiter Ferne zu sein.

In der Schule wurde sie von einem Jungen einmal Pummel genannt. Seit dem verfolgt sie der Spitzname „Pummelchen“. Sie fühlt sich ausgeschlossen. Und faktisch wird sie es ja auch. Die Freuden des Lebens scheinen für die anderen bestimmt zu sein, nicht für sie.

Wohl jeder von uns kennt das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, nicht dazuzugehören. Gründe dafür gibt es viele: Nicht die richtige Figur, nicht die richtige Schulbildung, nicht die richtigen Eltern, nicht das richtige Einkommen, nicht die richtigen Freunde und Kontakte. Ich erinnere mich an meine Schulzeit und weiß, wie das ist, nicht zu den Angesehenen zu gehören. Das Gefühl, „draußen“ zu stehen, schmerzt und kann einen Menschen ein Leben lang verfolgen.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass es immer wieder Gewinner und Verlierer gibt. Es gibt die Schönen, die von der Natur Bevorzugten, Braungebrannten. Charmante, die, die mit einem Lächeln alle für sich gewinnen können. Und es gibt die, die übersehen werden, die immer in der zweiten Reihe stehen. Es gibt die Heidi Klums und die Birgits. Das scheint ein Naturgesetz zu sein.

Auch in der Bibel gibt es die Bevorzugten und Benachteiligten: Kain, dessen Opfer von Gott nicht angenommen wird im Gegensatz zu seinem Bruder Abel, dessen Opfer Gott lieblich ist. Es gibt Jakob, den Lieblingssohn der Mutter, und es gibt Esau, den Behaarten, der um sein Erbe betrogen wird. Es gibt Saul, der von Gott verworfen wird, und David, den Gott sich erwählt. Es gibt die, die mit wenig Geld auskommen müssen wie Birgit, und die, die sich in ihrem Alter viel leisten können.

Wer nicht mithalten kann, steht eben draußen. Wer sein Geld überlegt ausgeben muss, kann sich nicht jedes Vergnügen leisten. Es gab mal Zeiten, da wurden große Einkommensunterschiede als ungerecht empfunden. Heute leben wir in einem Kult der Schönheit, der Stärke und des Geldes. Es lebe der feine Unterschied unter uns Menschen. Es gibt wieder eine verschämte Armut und einen unverschämten Reichtum in unserem Land. Die Zeiten sind – wie immer – günstig für die Schönen, Erfolgreichen, die Braungebrannten und Karrierebewussten. Wo bleiben da Kain, Esau, Saul und nicht zuletzt – Birgit, die Verlierer in diesem Gesellschaftsspiel?

Mit Jesus Christus ist das anders geworden. Einige der schönsten Gedanken der Bibel – zumindest für mich – hat Paulus im 1. Kor. 1 geschrieben: Viele Weise, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme. „Das Törichte dieser Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Schwache dieser Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen, und das Geringe dieser Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts gilt, um zunichte zu machen, was etwas gilt, damit kein Mensch sich rühme vor Gott.“ Gott erwählt sich nicht die Sieger, bzw. nicht nur, denn auch die Sieger sind von Gott nicht ausgeschlossen. Eine unbekannte junge Frau namens Maria wird den Gottessohn gebären, unbedeutende Fischer werden die ersten Jünger, namenlose Frauen werden die ersten Auferstehungszeugen und der kranke Zeltmacher Paulus wird der bedeutendste Theologe der Christenheit. Gott hat eine Schwäche für das menschlich Kleine und Unbedeutende.

Die Frage ist nur, ob das Birgit hilft. Vermutlich will sie nicht nur von Gott geliebt werden, sondern von einem jungen Mann, der sie allein will. Es ist nicht wenig, in Gott einen Freund zu haben, aber ich brauche auch Freunde hier und heute.
Wir können Birgit nicht zu einem Freund verhelfen, aber wir können dafür sorgen und mithelfen, dass sie nicht permanent übersehen wird. Jeder von uns kennt wohl eine Birgit, war mal eine oder ist es zurzeit. Den Birgits dieser Welt würde es gut tun, einmal beachtet zu werden. Wie ändert sich das Leben für einen Menschen, wenn er Anerkennung, Achtung, Respekt, Freundschaft und vielleicht sogar Liebe erfährt!

Das Schwache hat sich Gott erwählt. Der christliche Glaube hat einen unausrottbaren Zug hin zum Unscheinbaren und Benachteiligten. Diese Tatsache begeistert mich immer wieder. Die Heidi Klums dieser Welt erfahren schon genug Aufmerksamkeit. Die Birgits dieser Welt, die immer in der zweiten Reihe stehen, haben meine Aufmerksamkeit viel nötiger. Gott liebt sie. Aber sie brauchen auch meinen Respekt und meine Liebe, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Ihr Pfarrer
Stefan Remmert
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Bildquellen: Magazin Gemeindebrief_comic+caricaturen, Fotostudio Daniel, Käsmann, Privatfotos
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