Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
1. von 7 Themen im Gemeindebrief - März, April, Mai, Juni 2015
Liebe Gemeinde,
die ersten Wochen des Jahres 2015 standen nicht nur in Deutschland und Frankreich, sondern in ganz Europa im Zeichen der Auseinandersetzung von Menschen eines vom Christentum geprägten Kulturraums mit Anhägern des Islam. Diese Auseinandersetzung fand ihren Ausdruck in ganz unterschiedlichen Parolen, die bei Demonstrationen lautstark skandiert wurden. Die Stärke von Parolen besteht darin, dass sie eine Überzeugung oder eine Botschaft in wenigen Worten auf den Punkt bringen. Wie eine Parole zu beurteilen ist, hängt natürlich von ihrem Inhalt ab, aber auch davon, von wem und wozu sie gebraucht wird.

Zur Wendezeit in der DDR im Herbst 1989 haben die Demonstranten die Parole „Wir sind das Volk“ geprägt. Diese Parole war gegen ein Regime gerichtet, das keine freien Wahlen zugelassen und den Willen seiner Bürger missachtet hat. Die Demonstranten haben mit dieser Parole deutlich gemacht, dass sie das Volk repräsentieren und nicht der Parteiapparat der SED. In diesem gesellschaftlichen Zusammenhang konnte man dieser Parole nur zustimmen.

In den vergangenen Monaten haben die Demonstranten der PEGIDA diese Parole aufgegriffen. Aus ihrer Sicht besteht die Gefahr einer „Islamisierung des Abendlandes“, also einer Zersetzung der christlich geprägten europäischen Kultur durch den Islam. Bei den Protestmärschen der PEGIDA waren aber nicht nur islamkritische, sondern immer auch fremdenfeindliche Töne zu hören. Was die Demonstranten, die aus ganz unterschiedlichen Lagern kommen, offenbar verbindet, ist die Angst vor allem Fremden. Die Angst dieser Menschen sollte man ernstnehmen, auch wenn man sie nicht teilt. Wenn aber die Demonstranten mit der Parole „Wir sind das Volk“ den Anspruch erheben, dass ihre fremdenfeindliche Haltung repräsentativ für unser Volk ist, dann muss man ihrer Parole widersprechen.

Nach dem Anschlag islamischer Extremisten auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris am 7. Januar, der 12 Menschen das Leben gekostet hat, war aber eine andere Parole noch wesentlich öfter zu hören: „Wir sind Charlie.“ Diese Parole war zunächst eine Solidaritätsbekundung mit den Opfern des Anschlags. Mit dieser Solidaritätsbekundung wollten Menschen in ganz Europa aber zugleich für das Recht auf freie Meinungsäußerung demonstrieren.

Wenn Millionen von Menschen sich eine Parole zu eigen machen, ist es natürlich schwer, ihr zu widersprechen. Ich meine aber, dass es in diesem Fall gute Gründe gibt, es trotzdem zu tun. Dass der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und die Ermordung von 12 Menschen ein Verbrechen war, das man nur verurteilen kann, steht auch für mich außer Frage. Dennoch muss ich sagen: „Ich bin nicht Charlie.“

Die Redakteure der Zeitschrift werden posthum dafür gewürdigt, dass sie in ihrem Spott vor nichts und niemandem Halt gemacht haben. Aber ich frage mich: Ist das eine Tugend? Sie wussten, dass ihre Mohammed-Karikaturen von Muslimen als Gotteslästerung aufgefasst würden – und wollten sie trotzdem oder gerade deshalb veröffentlichen. Ich frage mich: Muss das sein? Muss man das, was anderen heilig ist, öffentlich verspotten und damit die religiösen Gefühle von Menschen vorsätzlich verletzen? Gießt man da nicht Öl ins Feuer?

„Wir sind Charlie.“ Wer dieser Parole zustimmt, sollte auch überlegen, wessen Interessen er damit möglicherweise unterstützt. Der Ressortleiter Wissenschaft von Spiegel-Online, Markus Becker, z.B. nimmt den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ zum Anlass, für das uneingeschränkte Recht auf öffentliche Gotteslästerung einzutreten. Er fordert die Abschaffung des Paragraphen 166 des Strafgesetzbuchs, der Gotteslästerung unter Strafe stellt. Zitat: „Wenn diese Tragödie eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie. Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen – seien es religiöse oder politische – sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens.“

Meine Einschätzung der Ereignisse von 7. Januar fällt ganz anders aus. Ich meine: Wenn die Tragödie des Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht nicht Blasphemie, sondern Toleranz – und das heißt die Achtung der religiös oder weltanschaulich Andersdenkenden. Atheisten haben einen Anspruch darauf, dass auch Gläubige ihre Überzeugung respektieren. Aber Gläubige aller Religionen sollten auch einen Anspruch darauf haben, dass Atheisten ihre religiöse Überzeugung respektieren – solange sie gewaltfrei vertreten wird. Öffentliche Gotteslästerung ist aber ein provokanter Ausdruck von Respektlosigkeit. Einer Kultur des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher religiöser Prägung ist Blasphemie daher sicher nicht zuträglich.

Noch einmal: Eine freiheitliche Demokratie braucht Toleranz, die getragen ist von Respekt. Und was wir als Kirchen brauchen, sind Protestanten: Menschen, die nicht jede Herabwürdigung ihres Glaubens gleichgültig hinnehmen, sondern dagegen protestieren. Was wir brauchen, sind Christen, die nicht vorschnell einstimmen in die Parolen anderer, sondern den Mut haben, ihren eigenen Glauben öffentlich zu bekennen. Was wir brauchen, sind Menschen, die den Mut haben zu sagen „Ich bin Christ“ – und auf der Grundlage dieses Bekenntnisses einzutreten für ein friedliches Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Weltanschauungen.

Diesen Mut wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer
Jürgen Gossler
1   2   3   4   5   6   7      Nächste
Bildquellen: Magazin Gemeindebrief 3/2015, Offiz. Webseiten WGT 2015, Privatfotos
Home  |  Aktivitäten  |  Gemeindebrief  |  Geschichte unserer Gemeinde  |  Sitemap  |  Impressum
Copyright © 2005-2017 - Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld