Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
1. von 9 Themen im Gemeindebrief - März, April, Mai, Juni 2013
Liebe Gemeinde!
Diese biblische Geschichte kennen Sie vermutlich alle. Und trotzdem bitte ich Sie, sie erst einmal zu lesen. (Lukas 10,25-37)

Sieh doch: Da kam ein Schriftgelehrter und wollte Jesus auf die Probe stellen. Er fragte ihn: „Lehrer, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“ Jesus fragte zurück: „Was steht im Gesetz? Was liest du da?“ Der Schriftgelehrte antwortete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Willen. Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Jesus sagte zu ihm: „Du hast richtig geantwortet. Halte dich daran und du wirst leben.“

Aber der Schriftgelehrte wollte seine Frage rechtfertigen. Deshalb sagte er zu Jesus: „Wer ist denn mein Mitmensch?“
Jesus erwiderte: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Die nahmen ihm alles weg, auch seine Kleider, und schlugen ihn zusammen. Dann machten sie sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg herab. Er sah den Verwundeten und ging vorbei. Genauso machte es ein Levit, als er zu der Stelle kam: Er sah den Verwundeten und ging vorbei.

Aber dann kam ein Reisender aus Samarien dorthin. Als er den Verwundeten sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn in ein Gasthaus und pflegte ihn. Am nächsten Tag holte er zwei Silberstücke hervor, gab sie dem Wirt und sagte: „Pflege den Verwundeten! Wenn es mehr kostet, werde ich es dir geben, wenn ich wiederkomme.“

Was meinst du: Wer von den dreien ist dem Mann, der von den Räubern überfallen wurde, als Mitmensch begegnet?“
Der Schriftgelehrte antwortete: „Der Mitleid hatte und sich um ihn gekümmert hat.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Dann geh und mach es ebenso.“

Der Text gehört zum christlichen Allgemeinwissen wie beispielsweise Psalm 23, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Zur Tradition gehört auch das Wissen, dass es im christlichen Glauben um Liebe zu Gott und den Mitmenschen geht. Sich um den Nächsten kümmern, ihm helfen, gehört zum Wesen des christlichen Handelns.

Weniger bewusst ist den meisten Christen, dass Jesus in dieser Situation auch von Selbstliebe spricht: Ich kann nur den Anderen lieben, wenn ich mich selbst liebe. Die Sorge-um-sich-selbst, das sich um sich Selbst-kümmern gehört wesentlich zum Glauben dazu. Damit ist nicht eine Form des Egoismus gemeint nach dem Motto „Alles meins!“ oder „Mir muss das was bringen“, sondern eine immer wieder herzustellende Balance zwischen der Sorge um den Anderen und mich selbst. Einem Anderen kann ich nur dann etwas geben, wenn ich selber etwas habe. Dafür gilt es Sorge zu tragen.
Dass alles gehört zur guten Auslegungstradition und wir bedürfen dafür auch immer wieder der Erinnerung. Ich meine aber, dass das Gleichnis noch mehr beinhaltet. Was wäre, wenn der Nächste nicht ein Einzelner ist, sondern unser Staat?

Im letzten November haben die Jungen Nationalsozialisten in Hünfeld ihren Aufmarsch geplant und durchgeführt. Das Ziel der Neo-Nazis ist es, diesen Staat grundlegend zu verändern und ihn nach ihrer menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Gesinnung umzubauen. Dazu setzen sie auf folgende Strategie:
1. Die Macht über die Straße.
2. Die Macht über die Parlamente.
3. Die Macht über die Köpfe.
Oder anderes gesagt: Sie greifen massiv unsere Werte an, indem sie versuchen, alle öffentlichen Plätze zu besetzen. Die Werte des Grundgesetzes wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ können da ganz schnell unter die Räder kommen.

Viele Bürger in Hünfeld haben mit der Gegendemonstration gezeigt und gesagt, dass sie dieses Denken und Handeln nicht wollen. Sie wollen eine freiheitliche Demokratie, wozu die freie Religionsausübung gehört. Sie wollen keine Ideologie, sondern die Vielfalt der Meinungen. Die Demonstration war eindrucksvoll und ist nicht ohne Wirkung geblieben. Dafür bin ich dankbar.
Aber das war ein einmaliger Akt. Unsere Demokratie und unsere Kirche lebt von der Partizipation ihrer Mitglieder. Eine Gesellschaft, die sich nicht für ihre Institutionen einsetzt, verliert sehr schnell ihre Freiheit, weil sie die Macht anderen überlässt.

Dieser abstrakte Gedanke meint Folgendes: In diesem Jahr stehen viele Wahlen an. Und jeder von uns, weiß, wie man besser regieren und handeln kann. Das gehört in Politik und Kirche zur freien Meinungsäußerung und ist auch sehr gut. Wenn dann aber jeder, der gute Ratschläge hat, sich zurückzieht und sich weder in demokratischen Parteien, Vereinen noch in den Kirchen engagiert, überlässt er das Feld immer anderen. Es gibt keinen machtfreien Raum. Natürlich kann nicht jeder alles machen. Dafür gibt es gewählte Stellvertreter. Aber sich ganz aus der Verantwortung stehlen geht nicht. Dann würde man dem Priester und Leviten gleichen, die wissentlich vorüber gehen und den Verletzten liegen lassen. Vielleicht wussten sie viel besser, wie man dem Verletzten helfen kann, aber sie haben es nicht getan. Erst der verachtete Samariter hilft dem Überfallenen. Er setzt sogar sein Vermögen ein, um ihm zu helfen.

Wie oft verachten wir Politiker, Pfarrer, Manager, Verantwortungsträger und sind selbst nicht bereit, unseren Beitrag zur gesellschaftlichen Verantwortung zu leisten?
Das menschliche Zusammenleben zu gestalten ist nicht leicht. Auch dem Samariter fiel es nicht leicht, dem Verletzten zu helfen. Er musste seine Pläne ändern, seine Zeit und sein Geld opfern. Aber es hat sich gelohnt. Ein Mensch wurde gerettet.

Nicht anders, so wage ich kühn zu denken, geht es in unserem Staat, unseren Vereinen und unseren Kirchen zu. Überlassen wir sie sich selbst, so werden sie unter die Räuber fallen. Nur wenn jeder und jede sich engagiert und tatkräftige Verantwortung übernimmt, kann menschliches Zusammenleben gut gelingen.

Gelegenheiten und Möglichkeiten in Staat, Vereinen und Kirchen sich zu engagieren gibt es genug. Die demokratischen Parteien brauchen Mitglieder sowie die Vereine. Und unsere Volkskirchen leben davon, dass Menschen sich engagieren und das Zusammenleben aktiv mitgestalten. Dass das nicht immer einfach ist, sei auch offen gesagt.

Aber möchten Sie unter die Räder kommen? Möchten Sie in einer Gesellschaft leben, die die Würde des Menschen missachtet? Wenn Sie das verneinen, dann können Sie sich nur engagieren.
Und dabei wünsche ich Ihnen Gottes Segen, der Ihnen viel Kraft und Mut geben möge.
Ihr Pfarrer
Stefan Remmert
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Bildquellen: Magazin Gemeindebrief, Magazin Blickkontakt (EKKW), Privatfotos
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