Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
1. von 8 Themen im Gemeindebrief - Juli, August, September, Oktober 2011
Liebe Leserinnen und Leser!
Liebe auf den ersten Blick! Gibt es das? Zwei Menschen wissen in einem Augenblick, dass sie zusammengehören. Woher wissen sie das? Kann man das wirklich genau erklären? „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“, sagt Jesus dazu.

Die Liebe ist ein heikles Feld: Trennungen, Scheidungen, Enttäuschungen. Kann man da noch wirklich von der Liebe auf den ersten Blick sprechen?

Noch heikler wird es, wenn ich mich auf das Feld der Liebe des Menschen zu Gott begebe und von Berufung spreche. Berufung ist ein unmodernes Wort und wird heute meistens im Zusammenhang mit Berufungen zum Priester, Pfarrer oder Ordensfrau und Ordensmann verwandt. Der Begriff Berufung gehört einer Sonderwelt an, die mit der heutigen Lebenswelt so gut wie gar nichts zu tun hat. Dabei steckt im Begriff „Beruf“ die Überzeugung, dass jeder Mensch seine besondere Lebensaufgabe hat. In Zeiten, wo jeder im normalen Arbeitsalltag austauschbar ist, fällt es schwer, von seiner Berufung zu sprechen. Schließlich gibt es ja unzählige Menschen, die diesen Beruf als Arbeiter oder Angestellte ebenso gut ausführen könnten.

Von einer eigenen Berufung zu sprechen kommt somit einer Provokation gleich, was sich in der Frage ausdrückt „Bist Du etwa zu Höherem berufen?“.

Die Bibel weiß um Berufungen. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch seine Berufung hat, der er zu folgen hat. Als prominentes Beispiel sei an Mose erinnert. Mose, der als Kind in ein Schilfkörbchen gesetzt wurde, damit er am Leben bleibt. Der dann von der Tochter der Pharaos im Palast großgezogen wurde. Der aus Wut über die Unterdrückung der Israeliten durch die Ägypter einen Aufseher erschlug und dann fliehen musste. Diesem Flüchtling und späteren Hirten begegnet Gott mitten in seinem Alltag im brennenden Dornbusch. Gott beruft ihn dazu, das Volk Israel aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen. Gewollt hat Mose das nicht. Er protestiert. Aber Gott bestätigt ihm seinen Auftrag. Mose folgt seiner Berufung.

Sicher ist das eine spektakuläre Geschichte, weil ein Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt. Das Neue Testament kennt weniger aufsehende Berufungsgeschichten. Jesus geht am Zoll vorbei und beruft den dortigen Zöllner. Maria, die Mutter Jesu, wird erwählt, den Sohn Gottes zu gebären. Begeistert waren die wenigsten Berufenen. Eher waren sie mit Skepsis erfüllt. Um seine Berufung zu wissen macht das eigene Leben nicht einfacher. Nicht nur wird einem die eigene Unzulänglichkeit für seine eigene Berufung bewusst, sondern auch die Mitmenschen weisen deutlich darauf hin. Mose und Maria erschraken, der Zöllner erfuhr den Widerspruch seiner Umgebung.

Berufungen gibt es. Plötzlich weiß ein Mensch, was er tun muss. Nelson Mandela, der ähnlich wie Mose sein Volk in die Freiheit führte, sagte bei seiner Antrittsrede als erster schwarzer Präsident Südafrikas: „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind. Unsere tiefste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns erschreckt. Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, fantastisch zu nennen? Aber dich selbst klein zu halten dient nicht der Welt.“

Berufene Menschen dienen, Gott, den Mitmenschen. Berufung hat niemals einen Selbstzweck. Sie folgen einem Wort, das - so der Theologe Romano Guardini- ihnen bei der Geburt mitgegeben wurde. Die Berufung ist für ihn keine Veranlagung, sondern ein Wort, das in das Leben eines jeden Menschen hineingesprochen wurde und zum Passwort wird für alles, was geschieht.

Aber ist das nicht abgehoben? Trifft das auf meine, auf Ihre Lebenswirklichkeit zu? Oder anders gefragt: Wie komme ich zu meiner Berufung? Die Berufung ergibt sich aus Antworten auf einfache, aber doch tief in unser Wesen hineinreichende Fragen: Wo komme ich her? Was steckt in mir? Wo zieht es mich hin? Wo fühle ich besondere Verantwortung? Dabei geht es nicht in erster Linie um die eigenen Fähigkeiten, sondern mindestens genauso wichtig, vielleicht noch wichtiger, sind die eigenen Sehnsüchte, Träume und Wünsche. Die meisten Menschen, die den Lauf der Weltgeschichte verändert haben, hatten zu Anfang ihres Lebens einen Traum, so wie der Pfarrer Martin Luther King, der in den 50er Jahren von der Gleichheit der Rassen und Völker in Amerika träumte und die amerikanische Gesellschaft nachhaltig veränderte.

Seiner Berufung kommt man auf die Spur, wenn man sich wahrhaftig fragt: Wovon träume ich? Was bringe ich mit? Was macht mich froh? Und wie passt das, was ich kann, was ich will und wovon ich träume, in meine Zeit, in meine Umgebung? Wer ehrlich diese Fragen beantwortet, wird nicht unbedingt glücklicher, weil die Antworten das vorgegebene System sprengen können. Mose war nicht glücklich darüber, der Führer seines Volkes zu sein und Maria hat es auch als Mutter Jesu nicht leicht gehabt. Aber beide sind ihrer Berufung gefolgt und haben so die Welt auf Gott hin, zum Guten verändert.

Berufungen haben Sprengkraft. Sie befreien nicht nur die Berufenen, sondern auch ihr Umfeld, ihr Volk, ihre Gesellschaft. Dazu noch einmal Nelson Mandela: „Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.“
Ihr Pfarrer Stefan Remmert
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Bildquellen: Magazin Gemeindebrief, Fotostudio Daniel, Privatfotos
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