Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
3. von 10 Themen im Gemeindebrief - März, April, Mai, Juni 2011
Liebe Gemeinde!
Wussten Sie, dass 2010 das Jahr der Armut gewesen ist und 2011 das Jahr der Ehrenamtlichen begangen wird? Ich nicht. Und wenn ich die Reihenfolge bedenke, erst Armut, dann Ehrenamt, so könnte man meinen, die Europäische Union, die sich diese Jahre ausgedacht hat, wolle zur Armutsbekämpfung die Ehrenamtlichen einsetzen. Wir brauchen aber nicht nur ehrenamtliches Engagement, sondern auch eine gerechte Gesellschaft, in der Menschen, auch wenn sie selbst verschuldet in Not geraten sind, menschenwürdig leben können.

?Seid barmherzig, so wie euer Vater ist?, sagt Jesus im Lukas- Evangelium (6,36) seinen Jüngern. Diesen einfachen Satz Jesu überhören und überlesen wir leicht. Fällt das Stichwort ?Barmherzigkeit?, so fällt den meisten Christen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein, wo Jesus auf die Frage eines jüdischen Geistlichen, der wissen will, wer denn sein Nächster sei, die Geschichte eines Mannes erzählt, der von Räubern überfallen halb tot auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho liegt. Zwei andere Geistliche, ein Priester und ein Levit, gehen an dem Verletzten vorbei. Erst ein Mann aus einem von Juden verachteten Volk, wie bei uns vielleicht Zigeuner, nimmt sich des Verwundeten an. Er bringt ihn in ein Gasthaus, wo er gepflegt wird. Nicht nur das, der verachtete Samariter zahlt sogar noch für die Behandlung des Verwundeten.

In dieser Geschichte steckt eine Provokation an uns, wobei es nicht so sehr um die Frage des Schriftgelehrten geht, wer unser Nächster ist, sondern ob wir bereit zur Barmherzigkeit sind. Warum diese Frage? Weil wir, wenn es um Elend und Armut geht, bei Krankheit und Schicksalsschlägen, nach einer Institution fragen, die sich darum kümmern soll. ?Wenn Du kein Geld hast, geh zum Sozialamt. Wenn Du krank bist, geh zum Arzt. Wenn Du länger traurig und depressiv bist, wende Dich an Deinen Hausarzt oder Apotheker.? So denken wir, so reden wir, weil es Institutionen in unserem Staat gibt, die dafür zuständig sind. Und jeder hat ein Recht, sich an diese Institutionen zu wenden und von ihnen Hilfe zu verlangen.

Ich finde es eine große Errungenschaft unseres Landes, das er dem Prinzip nach ein Sozialstaat ist. Für den sollten wir dankbar sein, so viel man an der Ausgestaltung des Sozialen im Einzelnen auch kritisieren mag. Darum muss es unsere Aufgabe sein, als Christen und Bürger diesen Staat weiter zu entwickeln und das Soziale in unserer Gesellschaft stark zu machen.

Jesus kannte noch kein Sozialstaatsprinzip, keine Institutionen, an die man Leidende verweisen konnte. Und hätte es die zu seiner Zeit gegeben, so hätte er trotzdem seine Nachfolger und Nachfolgerinnen an die Barmherzigkeit erinnert, weil unser Vater im Himmel barmherzig ist. Und genauso wie unser Vater ist, barmherzig, so sollen wir sein.

Was aber ist nun Barmherzigkeit? Das Wort Barmherzigkeit kommt aus dem Judentum, dem ja auch Jesus entstammt. Im Hebräischen, der Sprache der Bibel, heißt Barmherzigkeit riham ? was auch ?Gebärmutter? bedeuten kann. Die Gebärmutter ist der Ort, wo Leben entsteht. Dass der fremdgläubige Ausländer aus Samaria sich des unter die Räuber Gefallenen ?erbarmte?, meint dann, dass sein Herz an dessen Stelle schlug. Als Barmherziger ließ er mit seinem Handeln Leben entstehen. Das heißt, er war in der Not ganz bei dem anderen. Er handelte mutig und entschlossen, um den anderen aus seiner Notlage zu befreien. Der Samariter traute sich ohne falsche Scham in die Nähe des Bedürftigen. Er traute sich in die Nähe des Elends, aber nicht, um sich als Zuschauer schamlos daran zu weiden, wie in den Dokusoaps heute, oder in seinem Mitleid und dem guten Gefühl daraus selig zu werden, sondern um ihn so gut wie möglich aus seiner schlimmen Lage herausführen zu können. Der Samariter verwies den Verletzten nicht an den Staat oder die Kirche, sondern er setzte sich selbst ein. Erst als er ihn versorgt hatte, setzte er ihn auf sein Reittier und brachte ihn ins Gasthaus. Erst nach seiner privaten Hilfe überlässt er die weitere Behandlung des Verwundeten dem professionellen Dienstleister in Gestalt des Gastwirts.

Konkrete Barmherzigkeit und soziale Institutionen schließen sich demnach nicht aus, sondern sind aufeinander angewiesen. Erst die Hilfe des Samariters, der zufällig an dem Verletzten vorbei ging und sich erbarmte, schaffte die Voraussetzung, dass professionelle Institutionen helfen können.

Nun handelt die Geschichte von der Barmherzigkeit von einem einmaligen Ereignis. Was aber ist, wenn sich die Situation immer wiederholt? Wenn der Samariter auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho immer wieder Opfer von Überfällen findet? Wenn sein Herz brennt, wenn er im beschriebenen Sinn barmherzig ist, wird es ihm nicht nur um Einzelfallhilfe gehen. Er wird überlegen, wie nachhaltig verhindert werden kann, dass hier immer wieder Menschen in Not geraten. Mit solchen Fragen fordert Barmherzigkeit Gerechtigkeit, also Gesetze und Institutionen, heraus.

Dazu ein Beispiel aus der deutschen Geschichte: Angesichts der drohenden Vernichtung der Juden in Deutschland hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schon zu Beginn des Dritten Reiches öffentlich erklärt, dass es nicht genügt, die von einem betrunkenen Autofahrer Verletzten und Toten zu bergen, sondern dem Fahrer selbst ins Lenkrad zu greifen. Bonhoeffer will Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zugleich!

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gehörten schon im alten Israel zusammen, wie uns die Bibel überliefert. Den samaritanischen Ausländer und den einheimischen Juden verbindet die Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Für beide wird in der Geschichte von der Berufung des Mose von Gott Ähnliches gesagt wie beim Gleichnis vom Samariter: ?Ich ? Gott ? habe genau gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. Ich habe gehört, wie es um Hilfe schreit gegen seine Antreiber. Ich weiß, wie sehr es leiden muss, und bin herabgekommen, um es von seinen Unterdrückern zu befreien ??

Barmherzigkeit kann also niemals gegen Gerechtigkeit, also gerechte Institutionen ausgespielt werden. Vielmehr gilt: Barmherzigkeit fordert Gerechtigkeit und gerechte Institutionen. Sie sucht sie und kämpft um sie. Sie belässt es nicht bei einer immer wiederkehrenden Versorgung, sondern will die Wiederherstellung der Würde des anderen. Und das geht ohne gerechte soziale Institutionen nicht.

Unser Vater im Himmel schenkt jedem von uns seine eigene Würde. Er vergibt uns in seiner großen Barmherzigkeit unsere Schuld. Daran erinnern uns Karfreitag und Ostern. Und darum will er, dass wir so sind wie er: Barmherzig, damit es in der Welt mehr als gerecht zugeht.
Pfarrer Stefan Remmert
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Bildquellen: Magazin Gemeindebrief, Pfr. Stefan Bürger, Privatfotos
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