Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
2. von 10 Themen im Gemeindebrief - Nov., Dez. 2010 Januar, Februar 2011
Ist die Welt schlecht?
Die Welt ist schlecht! – Wer wollte das bezweifeln? Ich kann ja doch nichts tun. – Wer stimmt diesem Satz nicht mit vollem Herzen zu? Wer sein eigenes Überzeugungssystem , wie es sich beispielhaft in den beiden Sätzen ausspricht, erschüttern will, tut gut daran, einen Umweg zu gehen. In einer Zeit, wo Umwege geradezu ein Zeichen für misslungenes Leben sind, wo der Erfolgreiche den geraden Weg nach oben geht, sind Umwege gefährlich. Und es ist gefährlich, sich zu ihnen zu bekennen. Die großen geistlichen und geistigen Lehrer der Menschheit wissen, dass der schnellste Weg im Leben häufig der Umweg ist.

Also schlage ich vor, einen Umweg zu gehen. Und den dann langsam. Doch Langsamkeit ist ebenfalls gefährlich. Wer langsam ist, kann im Rennen um die Ziele des Lebens nicht gewinnen. In einer Gesellschaft, in der alles „just in time“ gemacht und geliefert werden muss, ist der Langsame nicht nur bedroht, nein in Lebensgefahr. Er wird in von den Ereignissen und Geschehnissen geradezu überrollt.
Die großen geistlichen und geistigen Lehrer der Menschheit wissen, dass Wege Zeit brauchen. Sie wissen, dass Leben, um reifen zu können, Zeit braucht. Oder haben Sie schon einmal einen Baum – auf Befehl – schnell wachsen sehen?

Also schlage ich den langsam zu gehenden Umweg ein. Und er führt mich in die Geschichte unseres Landes. Die Welt ist schlecht! Diese Grundüberzeugungen könnten ja die Überlebenden der Shoa haben. Wer, wenn nicht sie, haben erfahren und wissen, wie der Mensch sein kann. Ich kann ja doch nichts tun. Diese Grundüberzeugung könnten alle teilen, die sich im Widerstand gegen das NS-Regime gestellt haben, die ihr Leben damit aufs Spiel gesetzt haben.

Stéphane Hessel zum Beispiel. 1917 in Berlin geboren, zog er 1924 nach Paris. Als Résistancekämpfer wurde er 1944 von der Gestapo verhaftet, nach Buchenwald deportiert und zum Tode verurteilt. Auf dem Weg nach Bergen-Belsen konnte er fliehen. Nach dem Krieg setzt er sein Berufsleben als Diplomat fort und trägt 1948 zur Entstehung der Charta der Menschenrechte bei. Was sagt ein Mensch mit dieser Lebenserfahrung auf die Frage, warum er nach seinen dunklen Erfahrungen den Menschen noch vertraut und woher er diesen Optimismus nimmt? „Ich glaube, wir tragen den Drang in uns, Gewalt auszuüben, in Konkurrenz zu treten, den anderen zu zerstören, unsere Überlegenheit zu beweisen und unsere Vorherrschaft zu etablieren. Das hat jeder von uns.“ Und weiter fährt er fort: „Aber zugleich tragen wir die Fähigkeit in uns, großzügig, einfühlsam und brüderlich zu sein, und wir können die starken Seiten unserer Menschlichkeit nähren. Die Bildung kann zum Mittel werden, um in uns die Achtung vor dem anderen wachsen zu lassen.“

Seine Antwort ist durch zwei Merkmale gekennzeichnet: „Ja, die Welt ist so, wie sie ist – aber …“ Es geht darum, dieses Aber zu verstehen. Genauso wie die großen Lehrer der Menschheit setzt er auf das Aber. Und das Aber braucht langsame Wege. Nichts anderes ist Bildung. Ein langsamer Weg, um zu verstehen. Ein Weg, der zwangsläufig voller Umwege ist, denn nur so versteht man diesen einen Weg und seinen Verlauf.
Hessel verweist auf die Achtung vor dem anderen. Achtung muss wachsen. Wieder ist Zeit wesentlich. Ich muss mit dem anderen Zeit verbringen, um ihn kennen- und verstehen zu lernen. Nur das kann ich achten, was ich auch verstehe.

Die Welt ist voller Probleme. Und ich wage die Aussage, dass sie größer sind als die zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Frage nach dem Zusammenleben und Überleben der Menschen auf dieser Erde ist wohl die Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Jesus hat sich Zeit genommen, um mitten in einem großen Sturm, der für seine Jünger lebensgefährlich war, zu beten. Mitten in der Problemfülle nimmt sich Jesus Zeit: Zeit sich im Gespräch mit seinem Vater zu bilden; Zeit zu verstehen; Zeit, um achtsam mit seinen Jüngern umzugehen. Wer jetzt fragt, was das mit unseren Problemen zu tun hat, hat nicht verstanden. Erst wenn ich verstehe, woher ich komme, wie es geworden ist, mir Zeit nehme, die Situation zu verstehen, dann kann ich besonnen handeln und die Zukunft gestalten. Übrigens, Jesus hat seine Jünger aus der Todesgefahr gerettet.

Ja, die Welt ist schlecht. Aber ich kann etwas tun. Ich kann mit meinem Handeln Einfluss nehmen auf das, was geschieht. Aber das setzt Muße, Achtung und Zeit voraus, die ich mir nehmen muss, damit ich verstehe, um dann besonnen zu handeln.

Ja, die Welt ist schlecht. Und ich will etwas ändern. Doch was kann ich konkret tun? Auch hier wieder ein Umweg. Seit über 50 Jahren ist in der Evangelischen Kirche „Brot für die Welt“ fest verankert. Die Organisation bekommt gute Kritiken von externen Prüfern für ihren Umgang mit den Spendenmitteln. Wie alle Entwicklungshilfeorganisationen hat sie in den Jahren ihres Tuns viel gelernt, sozusagen Erfahrungen gemacht. Es geht nun nicht mehr nur darum, Geld oder Wissen in die Entwicklungsländer zu bringen, sondern wir selbst als vermeintliche Geber stehen auf dem Prüfstand. Deutlich wird das am Klimawandel, wo „Brot für die Welt“ den Begriff „Klimagerechtigkeit“ benutzt. So sagt der Klimaexperte Thomas Hirsch von „Brot für die Welt“ zu diesem Begriff: „Die hundert ärmsten Länder tragen nur drei Prozent der Treibhausgase bei. Aber sie leiden am meisten unter den Veränderungen. „Brot für die Welt“ drängt in seiner Lobbyarbeit darauf, dass die Verursacher des Klimawandels – das sind vorwiegend die Industrie- und die Schwellenländer – ihre Treibhausemissionen massiv verringern. Außerdem sollen diese Staaten auch für die nötigen Anpassungsmaßnahmen aufkommen. Es gilt das Verursacherprinzip. Das ist Klimagerechtigkeit.“

Und auf die Frage „Was können wir hier in Deutschland konkret tun gegen den Klimawandel?“ antwortet er: „Wir müssen die CO2-Emissionen verringern. Das geht nur, wenn wir die Energieeffizienz deutlich verbessern, uns von fossil-atomaren Energiequellen verabschieden und das solare Zeitalter einläuten. Gefragt sind da natürlich die Politik und die Wirtschaft. Aber auch jeder einzelne von uns muss etwas tun. Etwa grünen Strom beziehen, die Heizung überprüfen und gegebenenfalls erneuern lassen, Solarmodule aufs Dach bauen, das Eigenheim isolieren. Auch was den Verkehr angeht, können wir die Emissionen verringern. 40 Prozent aller Autofahrten werden für Strecken unter fünf Kilometer unternommen. Also einfach mal zu Fuß zum Einkaufen gehen oder mit dem Fahrrad fahren oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Das würde schon viel helfen.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Die Welt ist schlecht. Aber ich muss sie nicht so lassen.
Ihr Pfarrer Stefan Remmert
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Bildquellen: Magazin Gemeindebrief, www.blickkontakt.de, Pfr. Bürger, Elli Schulz
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