Evangelische Kirchengemeinde Hünfeld
Monatsspruch "Oktober 2017"
Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.
Lk 15,10
Gottesdienste
::: Dienstag, den 31. Oktober 2017
10.00 Uhr Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum
Gemeindebrief-Archiv
Gemeindebriefe und Themeninhalte aus der Vergangenheit
2. von 9 Themen im Gemeindebrief - März, April, Mai, Juni 2010
Wie der Glaube aus der Predigt kommt
„So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen durch das Wort Christi“, schreibt Paulus im Römerbrief, der Summe seines Nachdenkens über Gott, Welt und Mensch. „Papa, hör endlich auf zu predigen!“, mault mein Sohn und dürfte damit die Stimmungslage vieler Menschen wiedergeben, wenn sie an den Gottesdienst denken. Gut, meinem Sohn halte ich zu Hause einen Vortrag über dieses und jenes, was er meiner Meinung nach anders machen sollte, aber wird die Kirche nicht auch so wahrgenommen? Natürlich besteht ein fundamentaler Unterschied in der familiären und gottesdienstlichen Kommunikation. Aber an dem Befund ändert das wohl kaum etwas: Die Predigt wird oft als langweilig wahrgenommen, wie ich besonders aus meiner Arbeit mit jungen Menschen weiß. Und da scheint es gleichgültig zu sein, ob Stefan Remmert predigt oder Margot Kässmann. Das Urteil bleibt gleich: Die Predigt sei langweilig.

Woran liegt das? Sicher, es gibt unterschiedliche Prediger mit unterschiedlichen Begabungen. Aber die gab es auch schon zu Paulus Zeiten. Trotzdem hält Paulus daran fest, dass der Glaube aus der Predigt kommt, die das Handeln Gottes in Jesus Christus auslegt. Der Ursprung des Glaubens kommt aus dem Hören. Punkt.

Das Hören, besonders das Zuhören, hat es heute schwer. Wir sind eine Gesellschaft des Sehens. Bilder, Spots, Filme, Fotos. Bilder überfluten uns. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man. Sagt es wirklich mehr? Bilder können manipuliert werden, allein durch ihre Unterschriften. Das Bild ist wehrlos. Gleichzeitig dringt es unmittelbar in uns ein. „Ich glaube nur das, was ich sehe“, beschreibt treffend diesen Sachverhalt.

Aber das durch Sehen nicht immer das Wesentliche erkannt wird, zeigt der wahre und beliebte Satz von Antoine de Saint-Exupery: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, oder anders gesagt: Das Wesentliche kann dem Blick verborgen bleiben. Zufriedenheit und Glück, Liebe, Hoffnung und Glaube sind nicht zu sehen. Auch Gott ist unseren Augen unsichtbar. Bilder nehmen uns gefangen. Sie können unsere Gefühle überwältigen.

Wer hört, wer zuhört, ist distanziert. Sicher, auch Geräusche und Gespräche dringen unmittelbar ins Ohr, so dass man manches hört, was man nicht hören will. Über Worte kann und muss man nachdenken. Sprache muss man sprechen, sie nachvollziehen. Wer spricht, beispielsweise in einer Predigt, legt etwas dar. Die Geschichte Jesu und ihre Bedeutung. Er verwendet Argumente und sprachliche Bilder, die der Hörer in seinem Inneren nachvollziehen muss. Hören setzt somit das Verstehen voraus. Und Verstehen bedeutet, dass ich das Gehörte abwäge, ihm zustimme oder widerspreche. Wenn ich mir heute eine Fähigkeit wünschen dürfte, so wäre es die Gabe, zuhören zu können. So zuhören zu können, dass sich der andere im Zuhören versteht. So hören können, dass ich mich selbst verstehe.

In unserem Leben geht es gemeinhin darum, wer das Sagen hat. Wer redet, hat Macht. Das widerspricht meinen gemachten Ausführungen, weil das Hören dann doch nicht distanziert. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Das wird beim Beten deutlich. Beten ist ja zunächst Reden, reden zu Gott. Aber wer betet, wer wirklich betet, macht die Erfahrung Sören Kierkegaards: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte zuerst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. Und so ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt, stille werden und stille sein und warten, bis der Betende Gott hört.“

So führt das Reden mit Gott zum Hören, zum Hören auf den Grund der Welt, zum Hören auf Gott. Und das wünsche ich mir besonders, die Stille, Gott hören zu können, damit ich mich und den anderen verstehe. Indem ich mich zurücksetze, dem Wort Gottes Raum gebe, geschieht Hören und Verstehen. Da wächst Glauben. So ist Glauben nach Paulus nicht die Summe der Gebote und das Wissen über Gott, sondern mit Jesus und seinem Wort zu leben. Ich muss das Wort hören und es in meinem Herzen aufnehmen. Ich muss dem Wort Raum geben, mich also von mir selbst distanzieren, damit Glaube geschehen kann.

Vielleicht erscheinen die Predigten deshalb langweilig, weil wir uns nicht mehr von uns selbst distanzieren können. Wir sind voll von uns selbst. Wir kreisen um unsere Gedanken und Wünsche. Sie füllen uns aus, so dass nichts anderes mehr Raum hat. Dabei leben wir wahrhaftig vom Hören, dass uns Leben und Liebe zusagt. Liebe können wir uns nicht selbst geben. Sie kommt von außen und wird uns geschenkt. Sie muss in uns Raum gewinnen.

Im seinem Buch „Gemeinsames Leben“ beschreibt Bonhoeffer diesen Sachverhalt so: „Wie die Liebe zu Gott damit beginnt, dass wir sein Wort hören, so ist es der Anfang der Liebe zum Bruder, dass wir lernen, auf ihn zu hören ... Zuhören kann ein größerer Dienst sein als Reden. Viele Menschen suchen ein Ohr, das ihnen zuhört, und sie finden es unter Christen nicht, weil diese auch dort reden, wo sie hören sollten. Wer aber seinem Bruder nicht mehr zuhören kann, der wird auch bald Gott nicht mehr zuhören ... Hier fängt der Tod des geistlichen Lebens an ... Es gibt auch ein Zuhören mit halben Ohren, in dem Bewusstsein, doch schon zu wissen, was der andere zu sagen hat. Es ist das ungeduldige, unaufmerksame Zuhören, das den Bruder verachtet und nur darauf wartet, bis man endlich selbst zu Worte kommt und damit den anderen loswird. Das ist keine Erfüllung unseres Auftrages, und es ist gewiss, dass sich auch hier in unserer Stellung zum Bruder nur unser Verhältnis zu Gott widerspiegelt ... Die Christen haben vergessen, dass ihnen das Amt des Hörens von dem aufgetragen ist, der selbst der große Zuhörer ist und an dessen Werk sie teilhaben sollen.“

„Papa, hör auf zu predigen.“ Vielleicht sollte ich doch meine Mahnreden kürzen und zuhören. Nicht nur meinem Sohn, sondern auch Gott, dem Grund meines Lebens.
Ihr Pfarrer Stefan Remmert
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Bildquellen: Magazin Gemeindebrief, www.blickkontakt.de, Pfr. Stefan Bürger, Privatfotos
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